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Sensibilisiert zitieren

Published onOct 05, 2023
Sensibilisiert zitieren
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Notwendiges Vorwissen: Mehr als nur Gender: Andere Dimensionen diskriminierungssensibilisierter Sprache; Methoden gendersensibilisierter Sprache

I. Einleitung

Gender- und diskriminierungssensibilisiertes Schreiben bezieht sich nicht nur auf die eigene Wortwahl. Insbesondere die Verwendung von direkten Zitaten kann besondere Herausforderungen bergen. Im folgenden Kapitel zeigen wir euch unterschiedliche Möglichkeiten, wie ihr in Konfliktfällen diskriminierungssensibilisiert formulieren könnt. Das Kapitel soll eine Anleitung für alle Arten von diskriminierungssensibilisierter Sprache bieten. Gründe dafür, gender- und diskriminierungssensibilisiert zu schreiben, findet ihr im Kapitel Argumente.

Sofern ihr euch – zum Beispiel im Rahmen von rechtshistorischen Arbeiten – dagegen entscheidet, eine gender- und diskriminierungssensibilisierte Schreibweise zu verwenden, solltet ihr dies einordnen. Eine korrekte Einordnung kann sich unter anderem auch aus dem untersuchten Stoff und dessen Kritik auf inhaltlicher Ebene ergeben. Zudem könnt ihr eine (einleitende) Erklärung abgeben. Dies ist – wie immer – eine persönliche Entscheidung und abhängig von dem individuellen Text. Für eine Erklärung eurer Schreibweise kommen verschiedene Arten und Orte in der Dissertation in Betracht. Mehr zur Frage, ob und wie ihr eure Schreibweise erklären könnt, findet ihr im gleichnamigen Kapitel.

II. Tipps & Tricks

Im Folgenden findet ihr Tipps, wie ihr vermeiden könnt, Diskriminierung durch die Verwendung bestimmter Wörter oder Formulierungen zu reproduzieren und zu verstärken.

1. Tipp: indirekt Zitieren

Zunächst können direkte Zitate fast immer auch als indirekte Zitate verwendet werden. Grundsätzlich gilt, dass direkte Zitate nur dann verwendet werden sollen, wenn die Informationen nicht auch durch indirekte Zitate wiedergegeben werden können.1 Indirekte Zitate sind also bereits im Ausgangspunkt vorzugswürdig. Direkte Zitate sind dagegen dann notwendig, wenn ein Textausschnitt anschließend interpretiert werden soll, der Text einen speziellen Begriff einführt und erklärt, der in der weiteren Folge übernommen wird oder der Text eine Kernaussage trifft, welche die eigene Argumentation stützt.2 Auf indirekte Zitate sollte vor allem ausgewichen werden, um einzelne abwertende – zum Beispiel rassistische Wörter – zu vermeiden. Überdies eignen sich indirekte Zitate allgemein dazu, eine inklusive gendersensibilisierte Sprache (zum Beispiel mit dem *)zu verwenden.

2. Tipp: auf relevante Inhalte beschränken

Zudem ist es möglich, direkte Zitate auf die relevanten Inhalte zu beschränken und Teile, die eine Diskriminierung beinhalten, wegzulassen. Auch dieser Tipp lässt sich natürlich nicht immer umsetzen. Sinn und Inhalt dürfen nicht verkürzt wiedergegeben oder verfälscht werden.3 Wenn sich die Analyse gerade auf diskriminierende Merkmale bezieht, können diese Teile des Zitates nicht einfach weggelassen werden. Dann kann das Zitat entweder angepasst werden (III.) oder muss so übernommen werden.

III. Direkte Zitate anpassen?

Im Wesentlichen verbleiben zwei Fallgruppen, in denen die Verwendung von diskriminierender Sprache notwendig sein kann: Erstens gibt es Fälle, in welchen Zitate inhaltlich nicht mehr zutreffen oder nicht zum restlichen Text passen, sofern diskriminierende oder unsensible Begriffe entfernt werden. Zweitens kann die Verwendung der diskriminierenden Sprache wichtig sein, um eine Argumentation zu stützen, zum Beispiel um eine historische Ebene aufzuzeigen. Sofern ihr euch dafür entscheidet, ein direktes Zitat zu verwenden, stellt sich die Frage, ob ihr das direkte Zitat abändern dürft bzw. solltet. Im Folgenden legen wir euch verschiedene Argumente für und gegen eine Änderung von Originalzitaten dar und untersuchen, welche Besonderheiten sich bei Gesetzestexten und übersetzten Zitaten ergeben könnten.

1. Für die Verwendung der Originalzitate spricht, ...

a) ..., dass Autor*innen, die in ihren Werken keine diskriminierungssensibilisierte Sprache verwenden, sich häufig auch nicht sensibilisiert ausdrücken wollten.

b) ..., dass bestimmte – zum Beispiel historische oder kolonialrassistische – Gegebenheiten wie staatliche oder gesellschaftliche Vorurteile auch dadurch offenbart werden können, dass die in diesem Kontext verwendete diskriminierende Sprache bzw. Begriffe verwendet werden (dazu ausführlich hier).

c) ..., dass direkte Zitate gerade dadurch als solche erkennbar werden, dass sie – den sonst für die Arbeit geltenden – diskriminierungssensibilisierten Maßstäben nicht unterliegen.

d)..., dass es beispielsweise bei (älteren) Gesetzen, Gerichtsurteilen oder Reden auf den genauen Wortlaut ankommt.

2. Für eine Anpassung der Originalzitate spricht, ...

a) ..., dass nur weil Autor*innen keine diskriminierungssensibilisierte Sprache verwenden, nicht zwingend davon ausgegangen werden kann, dass sie keine sensibilisierte Sprache verwenden wollten oder mit einer entsprechenden Zitation nicht einverstanden wären. Zum einen untersagen viele Verlage ihren Autor*innen bis heute bzw. vor Kurzem (vgl. hier) zu gendern. Zum andern kann gerade bei historischen Texten ein entsprechender Wille nur vermutet werden.

b) ..., dass, selbst wenn gesichert festgestellt werden kann, dass Autor*innen nicht woll(t)en, dass ihre Gedanken sensibilisiert zitiert werden, diese Einstellung nicht höher gewichtet werden sollte als die Interessen und Bedürfnisse betroffener Personen. Gerade bei Begriffen wie dem N-Wort besteht das Potenzial, dass Menschen verletzt oder retraumatisiert werden.

c) ..., dass vor allem in Texten, die sich vorrangig nicht mit diskriminierenden Situationen befassen, es inhaltlich meist keinen Unterschied macht, ob sensibilisierte Sprache verwendet wird oder nicht.

d) ..., dass sonst Machtstrukturen verfestigt werden könnten.

Teilweise wird auch darauf abgestellt, dass Zitate nur dann angepasst werden sollten, wenn dies im Sinne der Autor*innen ist.4

3. Gesetzestexte zitieren

a) Nicht-gegenderte Begriffe

Gesetzestexte können geschützte Rechtsbegriffe wiedergeben, die nicht verändert werden sollten. Dagegen macht es beispielsweise beim Arbeitnehmerbegriff gem. § 611a BGB keinen Unterschied, ob dieser gegendert wird oder nicht, da von dem Gesetzeswortlaut alle Menschen erfasst sind, die die in § 611a I BGB definierten Merkmale erfüllen. Zwar sind Gesetzestexte ohnehin schon kompliziert genug, allerdings ist die Wiedergabe der Norm als direktes Zitat meist nicht nötig. In den meisten Fällen können folglich indirekte Zitate verwendet werden. Hierbei empfiehlt sich die Verwendung des Plurals, da dieser leichter zu gendern ist.5

•     Beispiel Normtext § 611a I 1 BGB: Durch den Arbeitsvertrag wird der Arbeitnehmer im Dienste eines anderen zur Leistung weisungsgebundener, fremdbestimmter Arbeit in persönlicher Abhängigkeit verpflichtet.

•     Möglichkeit für ein indirektes Zitat: Durch Arbeitsverträge werden Arbeitnehmer*innen im Dienste einer anderen Person zur Leistung weisungsgebundener, fremdbestimmter Arbeit in persönlicher Abhängigkeit verpflichtet.

b) Diskriminierungsunsensible Begriffe

Etwas komplizierter gestaltet sich die Situation, wenn Rechtsbegriffe nicht nur nicht gegendert sind, sondern darüber hinaus negativ konnotiert sind. Wie unter 1. angedeutet empfiehlt es sich auch hier, den (potentiell) diskriminierenden Begriff zu vermeiden und beispielsweise auf eine (Legal-)Definition auszuweichen oder den Gesetzestext so zu zitieren, dass ihr den Begriff nicht wiedergeben müsst. In Fällen, in denen ihr den Gesetzestext zwingend im Ganzen zitieren möchtet, besteht überdies die Möglichkeit, mittels Fußnote auf das Diskriminierungspotential von Begriffen zu verweisen.

Exemplarisch für einen Begriff, der negativ konnotiert ist, ist der Begriff des “Ausländers”. Mit Blick auf Art. 116 Abs. 1 GG empfiehlt sich in diesem Fall unter anderem die Formulierung “Person ohne deutsche Staatsbürgerschaft” (zu weiteren Möglichkeiten siehe das Living Begriffsglossar).

Dennoch kann es sich im Einzelfall schwierig gestalten, problematische bzw. unsensibilisierte Begriffe – gerade im Rahmen der wörtlichen Auslegung von Gesetzen – zu umgehen. Als Autor*innen stehen wir vor dem Dilemma, einen problematischen Begriff reproduzieren zu müssen, um eine methodengerechte Auslegung auszuführen. Nichtsdestotrotz sollen die hier dargelegten Vorschläge ermöglichen, eine Verwendung solcher Begriffe zu reduzieren bzw. mit (Fußnoten-)Erklärung richtig einzuordnen.

4. Sonderfall: Übersetzte Zitate & Zitate in nichtdeutscher Sprache

Einen weiteren Sonderfall stellen übersetzte Zitate und Zitate in weiteren, d.h. anderen als der verwendeten, Sprache dar. Dabei bleibt es bei dem Grundsatz, dass die Selbstbezeichnungen6 der Person im Vordergrund stehen sollten. Bei der Verwendung diversitätssensibilisierter Sprache ist zu beachten, dass der gleiche oder ein ähnlicher Begriff in verschiedenen Sprachen eine unterschiedliche Historie und somit auch Bedeutung haben kann. So ist zum Beispiel queer heute im Deutschen und Englischen als Selbstbezeichnung positiv konnotiert, früher war es dagegen im Englischen eine Beleidigung.7 Umgekehrt liegt der Sachverhalt bei der Selbstbezeichnung People of Color, welche im Deutschen und Englischen positiv besetzt ist. Teilweise wird dieser Begriff im Deutschen wörtlich übersetzt. Die wörtliche Übersetzung des Begriffs ist jedoch aufgrund ihres kolonialistischen Hintergrundes eine negativ assoziierte Fremdbezeichnung und stellt aufgrund der historischen Entstehungsgeschichte auch keine geeignete Übersetzung dar.8

a) Übersetzte Zitate

Wenn ihr Zitate übersetzen möchtet, könnt ihr diese leicht an den eigenen Schreibstil anpassen, indem ihr indirekte Rede verwendet. Sofern ihr euch dafür entscheidet, ein Zitat direkt zu übersetzen, kommt es vor allem darauf an, in welcher Sprache das Zitat originär verfasst wurde. Enthält die Originalsprache geschlechtsspezifische Formulierungen, müssen sich die Verfassenden nach den oben genannten Argumenten entscheiden, ob sie bestimmte Begriffe oder Formulierungen anpassen möchten. Gleiches gilt auch für neutrale Formulierungen in der Originalsprache, auch wenn die Schwelle zur Anpassung hier gegebenenfalls etwas geringer ist.

b) Zitate in der Originalsprache

Soll ein Zitat in der Originalsprache verwendet werden, besteht nicht immer der Bedarf, dieses anzupassen. So zum Beispiel im Englischen: “The ministers speak in Parliament”, da sich Substantiv und Artikel nicht an ein Gender anpassen müssen. Aber auch in neutraleren Sprachen wie dem Englischen gibt es geschlechtsspezifische Bezeichnungen, die bei einer gendersensibilisierten Schreibweise entsprechend angepasst werden sollten.9 Exemplarisch hierfür sind mankind (besser: humankind) oder boyfriend/girlfriend (besser: romantic partner). Sofern ein direktes Zitat in einer anderen Sprache verwendet wird, welche wie das Deutsche von einem binären Geschlechterverhältnis ausgeht, könnt ihr euch anhand der oben genannten Argumente entscheiden, ob ihr das Zitat anpassen möchtet. Auch in vielen anderen Sprachen gibt es eine gendersensibilisierte Schreibweise, so kann etwas im Spanischen “Los ministros y las ministras hablan en el Parlamento” zu “Les ministres hablan en el Parlamento” oder “Lxs ministrxs hablan en el Parlamento” umformuliert werden.10

V. Wie passe ich direkte Zitate an?

Sofern ihr euch dafür entschiedet, ein direktes Zitat diskriminierungssensibilisiert abzuändern, müsst ihr dies kenntlich machen. Hierfür gibt es verschiedene Möglichkeiten, die im folgenden Abschnitt kurz erklärt sind.

1. Eckige Klammern [ ]

a) Arbeitnehmer vertrauen sich ihren Arbeitgebern häufig nicht an.

b) “Arbeitnehmer[*innen] vertrauen sich ihren Arbeitgeber[*inne]n häufig nicht an.”

Für diese Variante spricht, dass nach den meisten Zitationsvorgaben grammatikalische oder sonstige Änderungen durch eckige Klammern verdeutlicht werden sollen.

2. Runde Klammern ( )

a) Arbeitnehmer vertrauen sich ihren Arbeitgebern häufig nicht an.

b) “Arbeitnehmer(*innen) vertrauen sich ihren Arbeitgeber(*inne)n häufig nicht an.”

Diese Variante bietet sich vor allem in Fällen an, in denen grammatikalische oder sonstige Änderungen durch runde Klammern kenntlich gemacht werden sollen – dies ist in manchen Publikationsmedien der Fall. Doch auch wenn ihr Wortlautänderungen grundsätzlich durch eckige Klammern sichtbar macht, könnt ihr euch bei Änderungen nach diskriminierungssensibilisierten Maßstäben für runde Klammern entscheiden, um diese als solche gesondert hervorzuheben.

3. Kursiv

a) Arbeitnehmer vertrauen sich ihren Arbeitgebern häufig nicht an.

b) “Arbeitnehmer*innen vertrauen sich ihren Arbeitgeber*innen häufig nicht an.”

ODER

b) “Arbeitnehmer*innen vertrauen sich ihren Arbeitgeber*innen häufig nicht an.”

Auch durch kursives Schreiben könnt ihr diskriminierungssensibilisierte Änderungen besonders hervorheben. Hierfür gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder ihr kennzeichnet das gesamte, sensibilisierte Wort oder nur den Teil eines Wortes, das ihr geändert habt. Für die letztere Variante spricht, dass sie grundsätzlichen Änderungen, die durch eckige oder runde Klammern erfolgen, ähnelt. Möchtet ihr diskriminierungssensibilisierte Änderungen jedoch durch kursive Schreibweise besonders hervorheben, gelingt dies deutlicher, indem ihr das ganze Wort hervorhebt.

4. Fußnoten

Wenn ihr direkte Zitate nach diskriminierungssensibilisierten Maßstäben ändert, könnt ihre diese auch durch Fußnoten sichtbar machen.11 Hierfür gibt es zwei Möglichkeiten:

a) Zum einen könnt ihr im Fließtext den originalen Wortlaut verwenden und euch von diesem in den Fußnoten distanzieren, indem ihr eine diskriminierungssensibilisierte Ausdrucksweise aufzeigt:

•     Fließtext: “Arbeitnehmer vertrauen sich ihren Arbeitgebern häufig nicht an.”

•     Fußnote: Die*der Autor*in verwendet keine diskriminierungssensibilisierte Sprache. Nach den diskriminierungssensibilisierten Maßstäben, nach denen die vorliegende Arbeit verfasst wird, müsste es “Arbeitnehmer*innen vertrauen sich ihren Arbeitgeber*innen häufig nicht an.” heißen.

Gegen diese Variante kann indes angeführt werden, dass nicht alle Leser*innen die Fußnoten lesen werden und diskriminierende Begriffe folglich dennoch Wirkung entfalten. Hinzukommt, dass ein uneinheitlicher Eindruck der Arbeit entstehen kann.

b) Zum anderen könnt ihr im Fließtext einen sensibilisierten Wortlaut verwenden und in den Fußnoten auf den Originalwortlaut verweisen.

•     Fließtext: “Arbeitnehmer*innen vertrauen sich ihren Arbeitgeber*innen häufig nicht an.”

•     Fußnote: Die*der Autor*in verwendet keine diskriminierungssensibilisierte Sprache. Im originären Wortlaut heißt es “Arbeitnehmer vertrauen sich ihren Arbeitgebern häufig nicht an.”

Für diese Variante spricht, dass eurer Text einen einheitlichen Eindruck macht. Andererseits wird kaum deutlich, dass ihr das Zitat geändert habt. Hinzukommt, dass die Grenzen zwischen direkter und indirekter Zitation verschwimmen.

VI. Studien divers zitieren

Dass Studien nicht gender- und diskriminierungssensibilisiert sind, erkennt ihr vor allem daran, dass sie diskriminierende Begriffe reproduzieren, an ungeeignete Kriterien anknüpfen oder von einem binären Genderverständnis ausgehen. Dennoch können ebenjene Studien für eure Forschung relevant sein, zum Beispiel weil ihr eine interdisziplinäre Arbeit anfertigt oder auch nur um eure Argumentation zu stärken oder einen Problemaufriss leichter darstellen zu können. Sofern wissenschaftliche Studien vorhanden sind, die gender- und diskriminierungssensibilisierten Ansprüchen entsprechen, empfiehlt es sich, vorrangig auf diese Studien zu verweisen. Ob und wann eine Studie für eure Forschung geeignet ist, kann an dieser Stelle allerdings nicht pauschal beantwortet werden.

Sollten keine gender- und diskriminierungssensibilisierten Studien vorhanden sein, sollte eine Kontextualisierung vorgenommen werden. Zum Beispiel könnt ihr eine Studie, die nur zwischen männlich und weiblich unterscheidet, entsprechend einordnen, indem ihr auf die soziale Konstruiertheit der verwendeten Kategorien hinweist und erläutert, warum die Studie dennoch einen Mehrwert für eure Fragestellung bietet. Auch können die Kategorien mit einem Stern ergänzt werden – beispielsweise Frauen* oder weiblich* – oder kursiv gestellt werden, um klarzustellen, dass alle Personen erfasst sind, die sich entsprechend identifizieren oder auch von der Studienleitung als solche gelesen werden.

Ein weiteres Beispiel für Studien, die nicht gender- und diskriminierungssensibilisiert sind, bilden Studien zu Rassismuserfahrungen, die als Parameter vorrangig auf den Migrationshintergrund von Personen abgestellt. Da Menschen mit Migrationshintergrund nicht immer von Rassismus betroffen sind und von Rassismus betroffene Menschen nicht zwingend einen Migrationshintergrund haben, ist “Migrationshintergrund” kein geeignetes Kriterium, um Rassismuserfahrungen zu untersuchen.12

Beispiel für eine Kontextualisierung: “Auch zur Diversität in Rechtswissenschaft und Rechtspraxis lassen sich einige Aussagen treffen, wenngleich die meisten Erhebungen und Studien an das problematische Kriterium des Migrationshintergrunds anknüpfen. Statistisch werden in Deutschland etwa Merkmale wie Migrationshintergrund, Geburtsort, Staatsangehörigkeit oder Erstsprache, bisweilen auch Religion oder Namensherkunft (mit Hilfe der Onomastik) erfasst.”13

VII. Divers Zitieren

In der rechtswissenschaftlichen Literatur werden weiterhin überwiegend weiß gelesene, männliche Autor*innen zitiert. Deshalb muss nicht nur das “Wie” des Zitierens, sondern auch das “Wen” wir zitieren aus einer feministischen Perspektive betrachtet werden. Für uns ergeben sich hieraus zwei Prüfungsschritte, nach denen ihr feststellen könnt, welche Autor*innen ihr an welcher Stelle zitiert:

Erstens muss die Qualität der Quelle untersucht werden. An dieser Stelle ist zwischen Urteilen sowie Beiträgen der Literatur zu unterscheiden. Gerichtsurteile sollen die Auffassung des verfassenden Gerichts wiedergeben – nicht die Meinung der dahinterstehenden Personen. Es ist deshalb vorrangig maßgeblich, um welches Gericht es sich handelt (u. a. Rechtsordnung und Hierarchie) und ob die Entscheidung für eure Argumentation relevant ist. Trotzdem können auch Gerichtsurteile durch die Biase der dahinterstehenden natürlichen Personen geprägt sein.

Bei Beiträgen der Literatur sind die Reputation und Erfahrung von Autor*innen und das von ihnen genutzte Medium – ob sie beispielsweise in einem bekannten Kommentar oder in einer auflagenstarken Zeitschrift veröffentlichen – entgegen der ersten Empfindung keine primären Kriterien, nach denen die Qualität von Quellen beurteilen werden kann. Vielmehr ist zu bedenken, dass manche Personen besonders leicht in die Position kommen, in diesen Medien zu veröffentlichen. Insofern sollte die Qualität eines Beitrags stets im Einzelfall beurteilt werden. Insbesondere können Publikationen in weniger verbreiteten Medien eine hohe Qualität aufweisen und auch Personen mit weniger Erfahrung oder Reputation können rechtwissenschaftliche Diskussionen entscheidend voranbringen. Das gilt erst Recht vor dem Hintergrund, dass in den deutschen Rechtswissenschaften die Kriterien für die Annahme von Beiträgen und ein Reviewverfahren nur selten transparent sind. Auch Double-(Blind)-Peer-Review sind vor allem bei Blogbeiträgen verbreitet.14 Und gerade bei diskriminierungsbezogenen Themen kann die Perspektive von betroffenen Personen eine höhere Qualität haben als die von Nichtbetroffenen.

Sofern mehrere gleichwertige Quellen zur Auswahl stehen oder mehrere Quellen zitiert werden, solltet ihr zweitens eure eigene Zitierpraxis reflektieren. Es können und müssen nicht an jeder Stelle und damit in jeder Fußnote verschiedene Perspektiven repräsentiert sein. Insgesamt solltet ihr bei eurer Literaturauswahl jedoch darauf achten, dass auch ihr nicht nur Personen zitiert, die Cis-, männlich, weiß, heterosexuell und nicht-be_hindert sind, sondern dass ihr auch andere Perspektiven berücksichtigt. Ebenso sollte immer das von der Person selbst angegebene Pronomen verwendet werden, dies können auch Neopronomen sein. Manche Menschen möchten gar nicht mit Pronomen angesprochen werden. In diesen Fällen ist nur der Name der Person zu verwenden.

Zusammenfassung: Die wichtigsten Punkte

Diskriminierende oder unsensible Begriffe könnt ihr am besten vermeiden, indem ihr indirekte Zitate verwendet oder euch darauf beschränkt, nur Inhalte direkt zu zitieren, die gender- und diskriminierungssensibilisiert sind.

Allerdings gibt es auch Situationen, in denen es sich anbieten kann, Zitate oder Begriffe als Ganzes zu zitieren, obwohl sie diskriminierend sind. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn andernfalls der Inhalt eurer Aussage nicht mehr zutreffen würde oder wenn es für eure Argumentation entscheidend ist, dass ihr bestimmte Begriffe benutzt. Doch nur weil ihr eine Sprache verwendet, die nicht gender- und diskriminierungssensibilisiert ist, bedeutet das nicht, dass ihr entsprechende Passagen unkommentiert stehen lassen müsst oder solltet. Auch bei direkten Zitaten könnt ihr auf Diskriminierungspotentiale verweisen oder das Originalzitat anpassen und eure Änderungen durch die Verwendung von eckigen oder runden Klammern, eine kursive Schreibweise oder entsprechende Fußnoten kenntlich machen.

Wichtig ist zudem, dass sensibilisiertes Zitieren nicht nur bedeutet, dass ihr auf gender- und diskriminierungssensibilisierte Sprache wert legt. Sofern möglich, könnt ihr auch darauf achten, Studien zu zitieren, die sensibel erhoben wurden und dass ihr (auch) die Perspektive von Personen berücksichtigt, die nicht Cis-, männlich, weiß, heterosexuell und nicht-be_hindert sind.

 

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